Für Praxisinhaber

Ergotherapeuten finden: und die eigenen Stärken kennen

Die Ergotherapie hat einen Vorteil, den viele Praxisinhaber nicht als solchen nutzen: deutlich längere Behandlungszeiten als die Physiotherapie. Wer das im Bewerbungsgespräch richtig einsetzt, gewinnt Kandidaten, die aus getakteten Umgebungen kommen.

Über die Ergotherapie kursiert eine veraltete Einschätzung: Sie sei vom Fachkräftemangel weniger betroffen als die Physiotherapie. Das stimmte einmal. Heute nicht mehr.

2017 stellte die Bundesagentur für Arbeit fest, dass in der Ergotherapie kein Fachkräftemangel vorliege, eine Meldung, die bis heute unverändert im Netz steht. In der Fachkräfteengpassanalyse 2024 liegt die Ergotherapie dagegen mit einem Engpasswert von 2,7 von maximal 3,0 gleichauf mit der Physiotherapie und damit an der Spitze der beschäftigungsstärksten Engpassberufe.

2,7 Engpasswert bei einem Maximum von 3,0, gleichauf mit der Physiotherapie
4.809 Ausbildungsanfänger im Schuljahr 2023/24, plus 8,8 Prozent zum Vorjahr
87,4 % der Ausbildungsanfänger sind weiblich, Teilzeitmodelle sind kein Nebenthema

Engpasswert: Fachkräfteengpassanalyse 2024 der Bundesagentur für Arbeit, veröffentlicht Mai 2025. Ein Wert ab 2,0 gilt als Engpassberuf. Ausbildungszahlen: Berufsbildungsbericht 2025, höchster Wert der Zehnjahresreihe.

Was Sie zahlen müssen

Anders als in der Physiotherapie gibt es hier eine Orientierung vom Berufsverband. Der Bundesverband für Ergotherapeuten veröffentlicht Lohnorientierungswerte für Praxen, und die Differenz zwischen Empfehlung und Realität ist der eigentlich interessante Teil.

WertStundenlohnBedeutung
Orientierung, Minimum18,50 €Untergrenze der Verbandsempfehlung ab August 2025
Orientierung, Median21,43 €Mittlerer Empfehlungswert
Orientierung, Maximum24,36 €Oberer Empfehlungswert
Tatsächlich gezahlt 202419,97 €Durchschnitt in der Praxis
In der Vergütung kalkuliert23,76 €Stundensatz, der der Schiedsstelle für 2025 zugrunde lag

Quelle: Lohnorientierungswerte des Bundesverbands für Ergotherapeuten, Stand ab 01.08.2025.

Diese Lücke kennen Bewerber

In der Vergütung, die Praxen von den Kassen erhalten, sind rechnerisch 23,76 Euro pro Stunde für Therapeutenlöhne eingepreist. Tatsächlich gezahlt wurden im Schnitt 19,97 Euro. Diese Differenz ist in der Berufsgruppe bekannt und wird diskutiert. Wer im oberen Bereich der Orientierungswerte zahlt, kann das offensiv ansprechen. Es ist ein belegbares Argument statt einer Behauptung.

Im öffentlichen Dienst sind staatlich anerkannte Ergotherapeuten regulär in Entgeltgruppe 7 eingruppiert, nicht in E5, eine Angabe, die auf Gehaltsportalen häufig falsch steht. Wer mindestens zur Hälfte Menschen mit Demenz behandelt, fällt tariflich sogar in E9b. Kirchliche Träger zahlen nach vorliegenden Angaben nochmals darüber. Für Praxen heißt das: Der Wettbewerb um Personal wird nicht nur gegen andere Praxen geführt.

Ihr stärkstes Argument: die Zeit

Hier unterscheidet sich die Ergotherapie grundlegend von der Physiotherapie, und das lässt sich in der Personalgewinnung nutzen.

LeistungRegelleistungszeitdavon Therapiezeit
Motorisch-funktionelle Behandlung45 Min.30 Min.
Ergotherapeutisches Hirnleistungstraining45 Min.mind. 30 Min.
Sensomotorisch-perzeptive Behandlung60 Min.45 Min.
Psychisch-funktionelle Behandlung75 Min.60 Min.
Physiotherapie zum Vergleich: Krankengymnastik15–25 Min.

Vergütungsvereinbarung nach § 125 Abs. 1 SGB V für Ergotherapie. Die Differenz zwischen Regelleistungszeit und Therapiezeit, jeweils 15 Minuten, ist vertraglich für Vor- und Nachbereitung vorgesehen.

Die psychisch-funktionelle Einzelbehandlung mit 75 Minuten ist der längste Standardtakt im gesamten Heilmittelbereich. Und anders als in der Physiotherapie, wo Vor- und Nachbereitung in die 15 bis 25 Minuten hineingehören, sind hier 15 Minuten je Behandlung vertraglich dafür reserviert.

Das ist ein konkretes Argument gegenüber Bewerbern, die aus Kliniken oder aus der Physiotherapie kommen und dort Taktung als Belastung erlebt haben. Wichtig: Es wirkt nur, wenn es in Ihrer Praxis auch stimmt. Wer die vorgesehene Vor- und Nachbereitungszeit faktisch für zusätzliche Behandlungen nutzt, verliert das Argument spätestens in der Probezeit.

Die Blankoverordnung als Recruiting-Argument

Seit der Einführung der Blankoverordnung nach § 125a SGB V hat sich die Systematik grundlegend geändert, und das spricht genau die Therapeuten an, die mehr fachliche Eigenständigkeit suchen.

  • Abrechnung in 15-Minuten-Intervallen statt nach fester Regelleistungszeit. Dauer und Frequenz bestimmt die Therapeutin selbst, nicht die Verordnung.
  • Telemedizin zum vollen Satz. Telemedizinische Leistungen werden genauso vergütet wie Behandlungen vor Ort, ein Flexibilitätsargument, das kaum eine Praxis in Stellenanzeigen erwähnt.
  • Schienenbau eigenständig vergütet. Herstellung, Anpassung und Korrektur temporärer Schienen sind gesondert abrechenbar. Handtherapie ist damit ein wirtschaftlich eigenständiger Schwerpunkt, kein Hobby.
  • Eigene Position für die Bedarfsanalyse zu Therapiebeginn, fachliche Beurteilung wird als Leistung anerkannt und vergütet.

Für die Stellenanzeige heißt das: Wenn Sie mit Blankoverordnung arbeiten, gehört das hinein. Es ist ein Unterscheidungsmerkmal gegenüber Praxen, die es nicht tun.

Wechselbereitschaft: die gute Nachricht

Bei den Ausstiegsquoten schneidet die Ergotherapie von den drei Therapieberufen am besten ab. In der Studie „Ich bin dann mal weg“ der Hochschule Fresenius gaben 21 Prozent der befragten Ergotherapeuten an, den Beruf bereits verlassen zu haben, und 38 Prozent dachten darüber nach. In der Physiotherapie waren es 25 und 51 Prozent, in der Logopädie 24 und 50 Prozent.

Studie der Hochschule Fresenius, veröffentlicht 2017, 984 Befragte, davon 245 aus der Ergotherapie. Eine neuere Erhebung mit dieser Aufschlüsselung liegt nicht vor, deshalb nennen wir das Jahr ausdrücklich.

Und noch etwas

Von denen, die den Beruf verlassen, wechseln rund zwei Drittel nicht in eine fremde Branche, sondern in Forschung und Lehre. Sie gehen also nicht, weil ihnen die Ergotherapie nicht liegt, sondern weil sie fachlich weiterkommen wollen. Der wirksamste Bindungshebel ist damit nicht das Gehalt allein, sondern eine erkennbare Entwicklungsperspektive: Fachbereichsverantwortung, Fortbildungsbudget mit Freistellung, Anleitung von Berufseinsteigern.

Häufige Fragen

Der Bundesverband nennt als Lohnorientierungswerte ab August 2025 mindestens 18,50 Euro, im Median 21,43 Euro und maximal 24,36 Euro pro Stunde. Tatsächlich gezahlt wurden 2024 im Schnitt 19,97 Euro. In der Kassenvergütung kalkuliert waren für 2025 dagegen 23,76 Euro, zwischen Einpreisung und Auszahlung liegt also eine spürbare Lücke.
Ja. In der Fachkräfteengpassanalyse 2024 der Bundesagentur für Arbeit erreicht die Ergotherapie 2,7 von maximal 3,0 Punkten, gleichauf mit der Physiotherapie. Ältere Meldungen aus 2017, wonach die Ergotherapie nicht betroffen sei, sind überholt, stehen aber weiterhin online.
Deutlich länger als in der Physiotherapie: 45 Minuten bei motorisch-funktioneller Behandlung und Hirnleistungstraining, 60 Minuten sensomotorisch-perzeptiv, 75 Minuten psychisch-funktionell. In jeder dieser Zeiten sind 15 Minuten vertraglich für Vor- und Nachbereitung vorgesehen. Krankengymnastik in der Physiotherapie liegt dagegen bei 15 bis 25 Minuten.
Abgerechnet wird in 15-Minuten-Intervallen statt nach fester Regelleistungszeit; Dauer und Frequenz bestimmt die Therapeutin selbst. Telemedizinische Leistungen werden zum gleichen Satz vergütet wie Präsenzbehandlungen, und der Schienenbau ist eigenständig abrechenbar. Für Bewerber ist das ein Argument für fachliche Eigenständigkeit.

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